Ehrenamt des Monats: „Erzgebirgisch, eigen und echt komisch“
Seit mehr als 30 Jahren ist das Mundarttheater Gehringswalde auf den Bühnen regionaler Spielstätten irgendwo zwischen Gelenau und Satzung zu Hause. Zu jeder Spielzeit haben sie ein eigenes neues Stück im Gepäck. Titel und Inhalt bleiben bis zur Bekanntgabe des Spielplans ein wohlbehütetes Geheimnis. Ob die Schauspielerinnen und Schauspieler für uns eine Ausnahme machen?
Im Zuge der Gründung des Erzgebirgischen Heimatvereins Gehringswalde mit OT Warmbad e. V. im Mai 1994 entstand die Idee, zur Ausgestaltung des ersten Hutzenabends ein kleines Theaterstück aufzuführen, das am Vorabend des dritten Advents und tags darauf noch einmal gespielt wurde. Seitdem findet die Premiere traditionell in der Vorweihnachtszeit vor heimischem Publikum im Erzgebirgshof in Gehringswalde statt. 1995 folgte ein erster Gastauftritt im ehemaligen Pawlow-Haus in Warmbad. Im Verein fand sich nach und nach eine feste Besetzung für das Mundarttheater, die sich populären erzgebirgischen Stücken widmete. Weitere auswärtige Auftritte folgten.
Mit der Jahrtausendwende begann auch für die Laienspielgruppe eine neue Zeitrechnung. Um weniger an die Vorgaben und Rollenbesetzung des bestehenden Theaterstoffes gebunden zu sein, stellte sich das Ensemble der Herausforderung, Jahr für Jahr ein eigenes humorvolles Programm in erzgebirgischer Mundart auf die Bühne zu bringen. Diese stammen aus der Feder von Andreas Loos, der selbst als Darsteller aktiv ist. Neben dem deutlich höheren Aufwand bot sich die Chance, die Theaterstücke an die Besetzung des Ensembles anzupassen und damit auch bei der Wahl der Themen auf das aktuelle Zeitgeschehen und regionale Aspekte einzugehen. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist die Kulisse aus gerasterten Hartfaserplatten, die von Mitgliedern des Heimatvereins eigens erdacht und gebaut wurde. Sie ist auf verschiedene Bühnengrößen anpassbar und dank ihrer Leichtbauweise gut zu transportieren. Das Ensemble kann sich somit den unterschiedlichen Gegebenheiten vor Ort anpassen. Gastspiele in Gelenau, Satzung, Schlettau oder Pobershau verhalfen dem Mundarttheater zu Bekanntheit weit über die Ortsgrenzen hinaus. Zum 30-jährigen Bestehen spielte die Gruppe mit „Schtriptiestanz un Hex'nschuss“ das mutmaßlich erfolgreichste Programm bisher.
256 Auftritte haben die neun Schauspielerinnen und Schauspieler sowie zwei Souffleusen, bis heute absolviert. Fünfzehn bis siebzehn Mal stehen sie in der Spielzeit von Januar bis März auf der Bühne, mitunter auch mehrmals an einem Wochenende. Bürgermeister Wolfram Liebing: „Die Entwicklung, die das Mundarttheater Gehringswalde genommen hat, ist beeindruckend. Mit einem hohen Maß an Kreativität, Leidenschaft für das Schauspiel und einem feinen Gespür für Themen, hat sich das Ensemble ein treues Stammpublikum erarbeitet. Allein die Anzahl der Gastspiele und die Tatsache, dass die Spielstätten stets gut gefüllt und oft auch ausverkauft sind, sind Ausdruck für die Qualität der Aufführungen.“
Bevor das Ensemble das erste Mal auf der Bühne steht, wartet aber vor und während jeder Tournee ein hartes Stück Arbeit auf alle Beteiligten. Über einen Zeitraum von acht Monaten arbeitet Andreas Loos mehrere Stunden pro Woche am Drehbuch. Die einzelnen Rollen werden den Darstellerinnen und Darstellern ein Stück weit auf den Leib geschrieben – je besser sie sich darin wiederfinden, umso einfacher ist es für sie, die Rolle zu spielen. Bevor die Schauspielerinnen und Schauspieler das Drehbuch im August zum ersten Mal in die Hand bekommen, wird es noch unzählige Male Korrektur gelesen. Inhaltliche Widersprüche werden beseitigt und die Dialoge bekommen den letzten Schliff. Dass die Stücke in Mundart aufgeführt werden, bringt weitere Herausforderungen mit sich: Die Sprache soll zeitgemäß und authentisch sein. Die Wortwahl darf keinesfalls veraltet wirken, da sonst die Gefahr besteht, dass die Mundart vom Publikum als gekünstelt wahrgenommen wird. Von September bis Dezember treffen sich die Darstellerinnen und Darsteller einmal wöchentlich für drei Stunden zur Probe – kurz vor der Premiere dann zweimal pro Woche. Die Auseinandersetzung mit den Texten und den Rollen ist Hausaufgabe. Der Zeitaufwand, um diese für 45 Minuten Bühnenpräsenz zu verinnerlichen, ist immens. Auch die Auftritte haben es in sich: Es beginnt mit dem Einladen und Transport der Kulissen. Dabei kann sich die Theatergruppe auf viele Helferinnen und Helfer aus dem Heimatverein verlassen, die sie auf Tournee unterstützen. Mit Beginn des Einlasses muss vor Ort alles aufgebaut sein. Erst wenn sich der Vorhang öffnet, erhalten die Schauspielerinnen und Schauspieler den Lohn für ihre Mühen. Für zwei Stunden stehen sie im Rampenlicht und dürfen den Applaus des Publikums genießen.
„Um die Leistung des Ensembles und der Engagierten wirklich wertschätzen zu können, braucht es wortwörtlich den Blick hinter die Kulissen“, zeigt sich Landrat Rico Anton beeindruckt. „Das Mundarttheater Gehringswalde leistet einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Vielfalt im Erzgebirgskreis und darüber hinaus zur Pflege unserer Mundart. Jahr für Jahr mit einem eigenen Programm auf Tournee zu gehen, ist für eine Laienspielgruppe im Ehrenamt mehr als ambitioniert – es ist Ausdruck für die hohen Ansprüche und den Ehrgeiz aller Beteiligten.“
Der Titel des neuen Programms adressiert geschickt das Kopfkino: „Rutlichtwahn im Neibaublock“ handelt von einer jungen Dame, die neu einzieht und damit die Hausgemeinschaft auf vier Etagen ordentlich durcheinanderbringt. Welche Rolle dabei die fortschreitende Digitalisierung spielt? Die Antwort bekommt das Publikum, wenn das Mundarttheater Gehringswalde ab Dezember mit dem Programm auf der Bühne steht. Über neue Mitspieler würde sich das Ensemble freuen. Wer Interesse am Schauspiel hat und sich darin selbst einmal ausprobieren möchte, kann gern mit den Verantwortlichen Kontakt aufnehmen.
Für ihr langjähriges und umfassendes Engagement in der Kultur und Brauchtumspflege wurde das Mundarttheater Gehringswalde mit dem „Ehrenamt des Monats Juli“ ausgezeichnet. Es erhielt von der Fachstelle Ehrenamt des Erzgebirgskreises eine Urkunde, die erzgebirgische Holzfigur „HelD“ (Helfen und Danken) sowie eine Einladung zum Großen Regionalpreis des Erzgebirgskreises ERZgeBÜRGER.
Um ein noch besseres Bild von der Arbeit des Ensembles zu bekommen, hat die Fachstelle Ehrenamt mit zwei Vertretern folgendes ausführliches Interview geführt.
Was macht für Sie die Faszination am Laienspiel spielen aus?
Jens Wünsche: „Wir sind eine tolle Truppe und haben unglaublich viel Spaß beim Spielen, aber auch bei der Auswertung der Stücke. Mich treibt es an, Menschen zum Lachen zu bringen. Ich genieße es, die Reaktionen und das positive Feedback des Publikums aufzunehmen und zu reflektieren.“
Andreas Loos: „In über dreißig Jahren haben die Darstellerinnen und Darsteller ein enges Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Für das Theaterspiel und das Funktionieren der Stücke ist das ein wichtiger Erfolgsfaktor. Wir haben in der ganzen Zeit nur zwei bis drei Auftritte absagen müssen – zur Not wurde auch mit Gipsbein gespielt. Das sagt auch viel über den Zusammenhalt des Ensembles aus.“
Das Drehbuch für das neue Stück „Rutlichtwahn im Neibaublock“ ist in den letzten Zügen. Wie groß ist die Vorfreude auf die kommende Spielzeit?
Jens Wünsche: „Der Spannungsbogen den wir als Darsteller durchleben, ist immer der gleiche: Am Anfang kann ich es immer kaum erwarten, das neue Drehbuch in die Hand zu bekommen und bin gespannt, für welche Rolle ich vorgesehen bin. Wenn es dann ans Proben und Lernen der Texte geht, fragt man sich manchmal schon, wie man sich so etwas Jahr für Jahr antun kann. Kurz vor der Premiere im Dezember ist die Vorfreude riesig und man will endlich wissen, wie das neue Stück beim Publikum ankommt. Nach der Tournee freut man sich dann aber auch auf ein halbes Jahr, in dem keine Proben oder Auftritte anstehen.“
Andreas Loos: „Als Autor ist es für mich immer interessant, wie die ersten Reaktionen der Schauspielerinnen und Schauspieler auf das Drehbuch ausfallen. Ein Schlüsselmoment sind die ersten Proben, weil ich dort erstmals ein Gefühl dafür bekomme, ob das Stück so funktioniert, wie ich es mir beim Schreiben erdacht habe.“
Wie entsteht so ein neues Drehbuch und was sind die Herausforderungen?
Andreas Loos: „Am Anfang braucht es zumindest eine Idee bzw. einen groben Rahmen für die Handlung. Diese Idee entwickelt man während des Schreibens weiter. Es ist nie so, dass man ein fertiges Stück im Kopf hat – im Gegensatz zu einer wissenschaftlichen Arbeit gibt es keine Gliederung, an der man sich entlanghangeln kann. Jede Darstellerin und jeder Darsteller hat bestimmte Vorlieben, wenn es um den Rollentyp und den Umfang des Textes geht. Alle müssen sich abgeholt fühlen, in der Rolle wiederfinden und brauchen eine ausgewogene Präsenz über die Gesamtdauer des Stücks. Dieser Balanceakt stellt für mich als Autor die größte Herausforderung dar.“
Jens Wünsche: „Als Laiendarsteller ist es wichtig, eine Rolle zu bekommen, die einem liegt. Wenn wir uns darin wohlfühlen, macht es das Theaterstück authentisch, was wiederum für den Erfolg eines Stücks mitentscheidend ist.“
Andere Mundarttheater tragen zum Teil schmückende Beinamen. Sie haben darauf verzichtet?
Jens Wünsche: „Nicht bewusst – wir haben zwischen Kulissen bauen, Texten lernen, Proben und Auftritten nie die Zeit gefunden, uns darüber wirklich Gedanken zu machen. Irgendwann sind wir an den Punkt gekommen, wo wir der Meinung waren, dass wir es nach den vielen Jahren nun auch nicht mehr ändern brauchen.“
Welches Theaterstück ist Ihnen über die Jahre in besonderer Erinnerung geblieben?
Andreas Loos: „Für mich sind das ‚Zwiebelstoll'n un Sempfgebäck‘ und ‚Schtriptiestanz un Hex'nschuss‘, weil es aus meiner Sicht die bisher erfolgreichsten waren. Meine persönlichen Favoriten ‚Ätablissemang‘ und ‚Gschnitzte Mannl'n‘ stammen noch aus der Zeit Mitte der 2010-er Jahre.“
Jens Wünsche: „Mir ist vor allem ‚Ähner muss naus‘ im Gedächtnis geblieben. Ich habe dort eine Doppel-Rolle gespielt und für mich war es eine immense Herausforderung, zur richtigen Zeit das richtige Kostüm und den richtigen Text parat zu haben.“
Haben Sie einen Lieblingsspielort?
Jens Wünsche: „Für mich ist das jedes Jahr die Premiere, die wir in unserem Wohnzimmer, dem Erzgebirgshof Gehringswalde, vor heimischem Publikum spielen – dort hält sich meist auch das Lampenfieber in Grenzen. Andere Spielorte herauszuheben ist schwierig, es kommt immer auch auf die Reaktion des Publikums an.“
Andreas Loos: „Für uns ist die gute Beziehung zu allen Veranstaltern wichtig. Natürlich haben auch wir Ausgaben – etwa für die Miete des Kleinbusses, den Anhänger, Kostüme und Kulissen. Trotzdem verlangen wir nur eine niedrige Gage, weil sich auch die Kosten für die Vereine, die uns buchen, in Grenzen halten sollen. Mundarttheater ist Kultur und ein Stück weit auch Brauchtumspflege. Uns ist es wichtig, dass beides für viele Menschen bezahlbar und erlebbar bleibt.“
