Ehrenamt des Monats: „KinderTrauerTreff“ schenkt Halt und Hoffnung

16. September 2025
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Lebensbegleitung für trauernde Kinder und ihre Angehörigen

Einen geliebten Menschen zu verlieren, gehört mit zu den schwierigsten Erfahrungen, die Kinder und ihre Angehörigen machen können. Ein sechsköpfiges Team aus ehrenamtlich Engagierten unterstützt betroffene Familien.

 

2018 hat der Malteser Hilfsdienst e. V. eine Kindertrauergruppe ins Leben gerufen und damit auf die eigenen Erfahrungen aus der Hospizarbeit reagiert, dass es ein regionales Angebot braucht, das sich insbesondere an den Bedürfnissen von Kindern orientiert. Der „KinderTrauerTreff“ ist ein Angebot zur Trauerbegleitung und -bewältigung für junge Menschen im Alter von sechs bis zwölf Jahren, das sich ausschließlich aus Spenden finanziert.

 

Peggy Strobel als Leiterin der Gruppe und Jana Hering als Leiterin des ambulanten Hospizdienstes berichten im Doppelinterview von ihren Erfahrungen, wieso Sterben kein Tabuthema sein darf und warum sich die Engagierten eher als Lebensbegleiter sehen.

 

Auf den ersten Blick ist die Trauerbegleitung für Kinder ein Angebot über das man sich freut, wenn es wenig in Anspruch genommen wird, oder?

Jana Hering: „Oberflächlich betrachtet ist das so, weil man geneigt ist, aus geringeren Fallzahlen abzuleiten, dass es weniger Betroffene gibt, die unsere Hilfe benötigen. Vor acht Jahren haben wir die erste Kindertrauergruppe im Erzgebirgskreis ins Leben gerufen – dass seitdem weitere Angebote anderer Träger entstanden sind, zeigt,  dass es einen reellen Bedarf gibt. Denn leider ist Sterben immer noch ein Tabuthema. Während man sich auf die Geburt eines Kindes intensiv vorbereitet, wird die Auseinandersetzung mit dem Tod eher gemieden. Kommt man dann in die Situation, dass man von einem geliebten Menschen Abschied nehmen muss, entsteht oft eine Überforderung, vor allem, wenn Kinder involviert sind.“

 

Peggy Strobel: „Abschiednehmen und Trauerbewältigung werden allzu zu oft im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen. Aus meiner Sicht ist das aber der falsche Ansatz – man sollte und kann Kinder nicht prinzipiell von dem Thema fernhalten. Sie sollten mitentscheiden dürfen, ob und wie sie Abschied nehmen, denn nur so lernen sie auch zu trauern.“

 

Wie organisieren Sie die Trauerarbeit mit den Kindern?

Jana Hering: „Zunächst muss man sagen, dass jeder Fall anders und individuell zu betrachten ist. Unser ‚KinderTrauerTreff‘ ist nur ein Teil unserer Arbeit. Er beginnt immer nach den Herbstferien. Insgesamt finden zehn Treffen statt, die thematisch aufeinander aufgebaut sind. Wir betreuen in der Gruppe im Durchschnitt acht Kinder pro Jahr. Die Gruppenarbeit ist wichtig, weil die Kinder hier in einem geschützten Raum auf Gleichaltrige treffen, die ihre Sorgen und Nöte verstehen. Diese Situation finden sie in ihrem sozialen Umfeld wie Kindergarten oder Schule nicht vor. Unbeteiligte Kinder können zumeist nicht nachvollziehen, in welcher schwierigen Lage sich ihre Freunde oder Mitschüler befinden und warum sie sich vielleicht anders verhalten, wie gewohnt. Parallel zu unseren jungen Klientinnen und Klienten, können sich auch die Eltern in einem separaten Raum treffen.“

 

Peggy Strobel: „Neben dem Gruppenangebot, gibt es auch die vorgezogene Trauerbegleitung. Wenn also absehbar ist, dass ein Kind von der Mama, dem Papa, der Oma oder dem Opa Abschied nehmen muss, leisten wir in dieser schweren Zeit professionelle Hilfe. Wir schauen zunächst welche Unterstützung die Kinder brauchen und wie wir die Angehörigen unterstützen können. Wir bereiten die Kinder auf den Abschied vor und begleiten sie auch auf die Beerdigung, wenn es die Familie wünscht. Von da an bis zur Aufnahme in die Kindertrauergruppe, betreuen wir die Jungen und Mädchen auch vor Ort im Rahmen der aufsuchenden Arbeit, wenn es auch unserer Sicht angezeigt ist.“

 

Was ist mit geschütztem Raum gemeint und wie muss man sich als Außenstehender die Trauerarbeit mit Kindern inhaltlich vorstellen?

Jana Hering: „Das A und O ist es ein vertrautes Umfeld zu schaffen. Gesagtes bleibt im Raum. Die Jungen und Mädchen brauchen einen geschützten Rahmen, um ihre Gefühle zu verarbeiten und so ihre Trauer kindgerecht bewältigen zu können. Ein Phänomen ist, dass die Kinder, völlig unabhängig von ihrer Konfession immer daran glauben, dass der geliebte Mensch, den sie verloren haben, an einem Ort ist, wo es ihm besser geht. Das zeigt, dass auch junge Menschen dem Grunde nach in der Lage sind, diesen Verlust zu verarbeiten. Traurige und fröhliche Momente wechseln sich in der Arbeit ab – deshalb sprechen wir auch lieber von Lebensermutigung als von Trauerbegleitung.“

 

Peggy Strobel: „Es ist uns wichtig, dass in der Öffentlichkeit kein falsches Bild von unserer Arbeit entsteht: Es dreht sich thematisch eben nicht nur um den Tod und das Sterben, sondern es geht vielmehr um Fragen, die das Hier und Jetzt betreffen: ‚Wie geht es dir in der Schule?‘, ‚Wie funktioniert es aktuell im Elternhaus?‘, ‚Was macht dein Freundeskreis und wie gestaltest du dein Alltagsleben?‘ Wir erarbeiten gemeinsam mit den Kindern Strategien und Lösungen, um sie in die Lage zu versetzen an guten und an schlechten Tagen mit ihrer Trauer umzugehen. Darüber hinaus helfen wir auch den erwachsenen Angehörigen, die sich in der schwierigen Situation befinden, dass sie einerseits selbst trauern, andererseits aber vor der Herausforderung stehen, die Kinder emotional aufzufangen.“

 

Wie bereiten Sie die ehrenamtlich Engagierten auf diese schwierige Arbeit vor?

Jana Hering: „Unser Team besteht aktuell aus vier qualifizierten Trauerbegleiterinnen und zwei engagierten Frauen, die die Treffen der Gruppe aktiv unterstützen. Die Kosten für die Ausbildung zur Trauerbegleitung übernimmt der Malteser Hilfsdienst e. V. als Träger des Projekts. Für uns ist es auch wichtig zu wissen, wo unsere Grenzen liegen – unsere Engagierten sind keine Psychologen. Bei Bedarf können wir uns auf professionelle Partner aus unserem Netzwerk verlassen. Wir arbeiten eng mit anderen Trägern und Selbsthilfegruppen sowie einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin zusammen, stehen zudem in ständigem Austausch mit dem KIT – Kriseninterventionsteam, das in akuten Fällen zunächst zuständig ist.“

 

Peggy Strobel: „Wir verstehen Hospizarbeit und Trauerbegleitung eher als Haltung. Trauer ist ein schwieriges aber eben auch unvermeidliches Thema. Unsere Trauerbegleiterinnen arbeiten sehr professionell und sind mit ganzem Herzen bei ihrer Arbeit, indem sie Empathie und  Einfühlungsvermögen zeigen.“

 

Gibt es Aspekte ihrer Arbeit, die noch wichtig sind?

Jana Hering: „Ja, denn wenn wir davon sprechen, dass Trauerbegleitung und -bewältigung nach wie vor ein Tabuthema ist, kommt der Öffentlichkeitsarbeit folgerichtig eine hohe Bedeutung zu. Wir sensibilisieren unter anderem Kita’s und Schulen, weil auch Erziehungs- und Lehrpersonal in die Situation kommen kann, mit trauernden Kindern umzugehen. Oft stehen auch Eltern vor der schwierigen Frage, wir teile ich dem Kindergarten oder der Schule mit, dass es in der Familie einen Trauerfall gab.“

 

Was wünschen Sie sich für ihre Arbeit für die Zukunft?

Peggy Strobel: „Wir würden uns freuen, wenn sich weitere Engagierte finden, die unsere Arbeit unterstützen. Menschen die willens sind, etwas positives für Kinder zu tun und auch unangenehmen Themen mit einer gewissen Offenheit begegnen, sind auch in der Lage zu helfen. Es braucht dafür keine pädagogischen Vorkenntnisse – wichtig sind Offenheit, Feingefühl und die Fähigkeit zuzuhören. Als ‚lila Dame‘ oder ‚lila Herr‘, wie die Neueinsteiger bei uns heißen, können wir jede Form der Unterstützung gebrauchen – sei es bei Sport- und Kreativangeboten, der Verpflegung oder organisatorischen Aufgaben.“

 

„Zum Glück gibt es nach wie vor Menschen, die nicht aufhören wenn es unangenehm wird, sondern sich gerade deshalb einbringen, weil es schwierig wird,“ würdigt Landrat Rico Anton die Arbeit des „KinderTrauerTreff“. „Die Engagierten helfen Kindern in einer für sie schweren Zeit dabei, weiter Halt im Leben zu finden, für diese Arbeit bin ich ihnen zutiefst dankbar.“

 

Für ihr umfassendes soziales Engagement in der Trauerarbeit mit Kindern wurde das Team des KinderTrauerTreff Annaberg des Malteser Hilfsdienstes e. V. mit dem „Ehrenamt des Monats August“ ausgezeichnet. Es erhielt von der Fachstelle Ehrenamt des Erzgebirgskreises eine Urkunde, die erzgebirgische Holzfigur „HelD“ (Helfen und Danken) sowie eine Einladung zum Großen Regionalpreis des Erzgebirgskreises ERZgeBÜRGER.

 

Hilfe erhalten Betroffene und Interessenten unter nachfolgendem Kontakt:

Malteser Hilfsdienst e. V. in Annaberg-Buchholz

Leiterin des ambulanten Hospizdienstes

Jana Hering

jana.hering@malteser.org

03733-24060

 

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