Ehrenamt des Monats: Mit Holz und Herz – Kinderhände bewahren traditionelles Handwerk

18. Dezember 2025
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Seit 30 Jahren engagiert sich Joachim Oeser als Schnitzlehrer

Seit Mitte der 1990er Jahre bringt Joachim Oeser als Fachwart Schnitzen beim Erzgebirgszweigverein Markersbach e. V. Kindern und Jugendlichen die Grundlagen dieses traditionellen Handwerks bei. Was für ihn die Faszination am Schnitzen ausmacht und warum er seinen Platz schon immer in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gesehen hat, verrät er im Interview.

Nachdem er als Kind eine Ausstellung besucht hatte, begann er im Alter von 12 Jahren selbst Hand ans Holz zu legen und hat im Schnitzverein „An der Linde“ Aue-Neudörfel e. V. den Umgang mit Messer und Eisen erlernt. Auch wenn ihm sein Berufswunsch, Holzbildhauer zu werden, aus politischen Gründen verwehrt blieb – das Schnitzen hat der 65-jährige Markersbacher als Hobby stets weiter betrieben.

 

Wie sind Sie damit umgegangen, dass Sie ihre Leidenschaft nicht zum Beruf machen durften?

Joachim Oeser: „Mit etwas Abstand betrachtet, hat es sein Gutes. Ich brauchte somit nie nach Auftrag zu arbeiten und konnte meine Motive selbst bestimmen. Als gelernter Forstwirt konnte ich zumindest dem Werkstoff Holz treu bleiben. Zum Ende meiner Berufslaufbahn hatte ich das Glück, die Waldschule am Fichtelberg mit aufzubauen und dort als Waldpädagoge mit Kindergruppen zu arbeiten.“

 

Womit wir im Thema wären. Das Schnitzen und die Arbeit mit Kindern begleiten sie Zeit ihres Lebens. Wie kam es zu Ihrem Engagement als Leiter der Kinderschnitzgruppe?

Joachim Oeser: „Ich bin selbst Vater von vier Kindern. Das Schnitzen war immer ein zentraler Bestandteil unseres Familienlebens. Als mein Sohn begann, in Markersbach das Einmaleins der Holzbearbeitung zu erlernen, hat der vormalige Schnitzlehrer Lothar Junghans einen Nachfolger gesucht. Ich habe mich der Aufgabe angenommen, auch weil ich unbedingt wollte, dass das Angebot für die Kinder und Jugendlichen erhalten bleibt. Der Erzgebirgszweigverein Markersbach e. V. hat frühzeitig erkannt, dass es eine Kinderschnitzgruppe braucht, um diese Tradition lebendig zu halten und diese bereits mit seiner Gründung 1990 ins Leben gerufen.“

 

Wie hat sich die Kinderschnitzgruppe in den zurückliegenden Jahren entwickelt?

Joachim Oeser: „Dass der Zuspruch über so einen langen Zeitraum schwankt, ist ganz normal. Zeitweilig war die Nachfrage auch so groß, dass es sogar eine separate AG Schnitzen an der Jena-Plan-Schule hier im Ort gab. In den vergangenen 30 Jahren haben bei mir mehr als 50 Kinder und Jugendliche das Schnitzen erlernt. Mit Unterstützung von Martin Hadeck und Ralf Stietzel betreuen wir momentan 14 Kinder und Jugendliche. Wir sind stolz, dass auch viele der Jungen und Mädchen aus den Nachbarorten Schwarzenberg, Langenberg, Rittersgrün oder Scheibenberg zu uns kommen. Die Gruppe trifft sich einmal pro Woche.“

 

Was macht für Sie persönlich die Leidenschaft am Schnitzen aus?

Joachim Oeser: „Einerseits ist es die Möglichkeit, mit Hilfe des Holzes Situationen wiederzugeben, die man wahrnimmt und diese dann auch ein Stück weit zu interpretieren. Andererseits hat mich immer fasziniert, dass die ‚Männeln‘ und Motive gewissermaßen schon im Werkstoff drin stecken. Das Holz zeigt einem den Weg und mit etwas Fantasie entwickelt man eine Idee, was daraus entstehen könnte.“

 

Und wie weckt man diese Leidenschaft bei den Jüngsten?

Joachim Oeser: „Wir fangen mit den Kindern erst ab einem Alter von 8 Jahren an, weil der Werkstoff Holz ihnen auch einiges abverlangt. Für ein halbes Jahr können sie zum Schnupperschnitzen kommen. Wichtig ist, dass man keine zu große Erwartungshaltung aufbaut, denn Lerndruck haben sie schon in der Schule. Zudem ist es auch eine Frage der Methodik: Für die Kinder ist es wichtig, dass sie kleine Schritte gehen. Sie schnitzen nicht mir zum Gefallen. Sie lernen Geduld und Ausdauer, haben kleine Erfolgserlebnisse, wenn sie sich selbst etwas erarbeitet haben und entdecken dabei eigene Stärken, möglichst ohne dabei zu vielen Vorgaben ausgesetzt zu sein. Natürlich gehört auch jährlich eine kleine Weihnachtsfeier dazu.“

 

Wie kann man sich diese Methodik genau vorstellen?

Joachim Oeser: „Die Kinder fangen mit dem Pilz als einfaches Motiv an, lernen vielleicht schon erste Kerbschnitte. Ziel ist es zunächst einmal, die richtige Handhabung von Messer und Eisen zu erlernen. Weiter geht es mit Bäumen und irgendwann wird eine Schale oder Salatbesteck geschnitzt. Dabei geht es darum, die ersten Rundungen auszuarbeiten, mit Schlegel und Eisen umzugehen sowie ein Gefühl für die Fasern und die Eigenschaften des Holzes zu bekommen. Die ersten menschlichen Züge, erarbeiten sich die Kinder dann, wenn sie das erste Mal einen Räucherpilz fertigen. Sind die Grundfertigkeiten vorhanden, dürfen sich die Nachwuchsschnitzer ihre Motive selbst wählen. Dort fängt Schnitzen dann so richtig an, weil es ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit braucht, dieses auch umzusetzen. An diesem Punkt entscheidet sich oft, ob ein junger Mensch dabei bleibt oder nicht.“

 

Und wenn die Jungen und Mädchen aufhören, war alle Mühe umsonst?

Joachim Oeser: „Keinesfalls. Ich möchte die Zeit, die man das Kind oder den Jugendlichen bis dahin begleiten durfte nicht missen. Das Problem ist vielmehr ein falsches Anspruchsdenken, dass alle ein Leben lang dabei bleiben müssen. Viele hören auch in der Phase der Berufsausbildung mit dem Schnitzen einstweilen auf, um später wieder anzufangen. Wir haben über die Jahre einige sehr talentierte Schnitzerinnen und Schnitzer ausgebildet, irgendwann müssen sie aber ihren eigenen Weg finden.“

 

Nehmen Sie mit den Kindern und Jugendlichen an Wettbewerben teil?

Joachim Oeser: „Selbstverständlich. Wir nehmen jedes Jahr an den Schnitzertagen in Annaberg-Buchholz teil. Für unsere Nachwuchsschnitzer ist es auch wichtig zu schauen, was andere machen und es motiviert sie zu zeigen, was sie können. Der Wettbewerb steht unter einem Thema und ist unterteilt in Kategorien sowie nach Altersgruppen. In den vergangen Jahren haben unsere jungen Schnitzerinnen und Schnitzer auch den ein oder anderen Erfolg gefeiert. Ich habe ihn auch schon einmal gewinnen können. Wichtiger ist mir aber immer, den Blick über den Tellerrand hinaus zu richten und zu sehen, was andere schnitzen.“

 

Wie interpretieren Sie Ihre Rolle als Schnitzlehrer und was ist Ihre Motivation dahinter?

Joachim Oeser: „Es ist nicht im Sinne der Volkskunst, nur die Talentiertesten zu fördern, sondern vielen die Möglichkeit zu geben, das Schnitzen zu erlernen. Wir wollen traditionelles Handwerk lebendig halten, indem wir in Gemeinschaft und mit Freude die dazu erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln. Ich habe meinen Platz immer in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gesehen – die Gemeinschaft mit der jungen Generation bereitet mir viel Freude.“

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Joachim Oeser: „Dass die Zusammenarbeit mit dem Erzgebirgszweigverein Markersbach weiterhin so gut funktioniert. Wir haben sehr gute Rahmenbedingungen, um Kindern das Schnitzen beizubringen aber auch der EZV profitiert von unserer Arbeit. Mit dem Angebot verschaffen wir den Kindern einen altersgerechten Zugang zum Thema Heimat- und Brauchtumspflege und der Verein gewinnt dadurch neue Mitglieder.“

 

Was wünschen Sie sich für sich persönlich?

Joachim Oeser: „Vielleicht irgendwann einen Nachfolger zu finden, um selbst auch wieder Zeit zu finden, in einer Erwachsenengruppe gemeinschaftlich zu schnitzen.“

 

Für sein langjähriges und umfassendes Engagement für die Nachwuchsförderung im Bereich der Heimat- und Brauchtumspflege wurde Herr Joachim Oeser mit dem „Ehrenamt des Monats November“ ausgezeichnet. Es erhielt von der Fachstelle Ehrenamt des Erzgebirgskreises eine Urkunde, die erzgebirgische Holzfigur „HelD“ (Helfen und Danken) sowie eine Einladung zum Großen Regionalpreis des Erzgebirgskreises ERZgeBÜRGER.

 

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